Das mit der Bildschirmzeit vor Instagram & Co ist ja so eine Sache. Ständig schlägt einem der Algorithmus traumhafte Bikepackingziele vor, lässt einen an den Abenteuern von wildfremden Menschen teilhaben und verursacht dann dieses „das will ich auch mal machen“ Gefühl, dicht gefolgt von den „hab ich dafür Zeit?“ Gedanken. Und dann stellte ich mir die Frage:
Ist Dänemark wirklich so toll wie alle sagen?
Wer jetzt hier schon die Antwort erwartet hat, den muss ich enttäuschen, ich möchte doch gerne erst meine Eindrücke schildern und Gedanken teilen.

Ende Juli, kurz vor dem Sommerurlaub in Griechenland, bleiben mir noch ein paar Tage für mich. Anfänglich bin ich noch am überlegen nach der Ostsee Tour dieses Mal die Nordsee anzusteuern, doch irgendwie lässt mich dieser wildromantische Gedanke durch Dänemark zu fahren und in einem Shelter zu schlafen nicht los. Also los. Ein paar Sachen packen, Fahrrad ins Auto und auf nach Flensburg! Dort möchte ich Abends starten und das erste Nachtlager ansteuern. Doch schon die Fahrt in den Norden soll ein regnerisches Abenteuer werden. Kurz nach Braunschweig schüttet es wie aus Eimern, die Scheibenwischer fliegen hektisch über die Windschutzscheibe und werden bis Flensburg nur wenig Verschnaufpause bekommen. Dort angekommen lässt der Regen zwar etwas nach aber ich entscheide mich dann doch dafür, die Nacht im Auto zu verbringen und die Tour am nächsten Tag, wenn man dem Wetterbericht glauben kann, trocken zu starten. Nach einer wirklich unbequemen Nacht auf dem Beifahrersitz, hieß es dann um 5 Uhr: Aufstehen, Aufsatteln und Abfahrt!
Während ich noch trocken in Flensburg gestartet bin, begrüßt mich Dänemark kurz nach der Grenze mit leichtem Sprühregen, Also Regensachen an und erstmal weiterfahren bis sich der Hunger meldet. In Aabenraa wird erstmal ausgiebig gefrühstückt. Hier gibt es sogar einen Drive-In Bäcker. Nachdem ich mich etwas aufgewärmt und getrocknet habe, plane ich den weiteren Tourenverlauf. Als Ziel habe ich mir die weiten Dünen an der Nordseeküste gesetzt. Doch wo genau das sein soll, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Frisch gestärkt geht es dann wieder aufs Rad, vorbei an bunten Häusern und entlang toll ausgebauter Fahrradwege in Richtung Westen.
Übrigens bin ich das erste Mal in Dänemark. Ich bin erstaunt wie Fahrradfreundlich hier alles ist. Radwege, breite Seitenstreifen und Autos die mit ausreichend Abstand überholen, sind eine willkommene Abwechslung. Seit Aabenraa bin den Großteil auf kleinen Nebenstraßen unterwegs. Ich passiere die ein oder andere kleine Ortschaft, vorbei an kleinen Gehöften und großen landwirtschaftlichen Betrieben. Quere kleine Wälder und grüße die Kühe und Pferde die auf den Wiesen stehen. Die zeigen sich aber allesamt unbeeindruckt.
Ich hingegen bin beeindruckt von den idyllischen Wohnhäusern mit den schicken Vorgärten, blühenden Hortensien und Funkien. Alles wirkt entspannt und friedlich, die wenigen Leute die man sieht, grüßen freundlich und haben alle ein Lächeln auf den Lippen.
Die nächst größere Stadt, die ich ansteuere ist Ribe. Hier ist deutlich mehr los, in der Fußgängerzone tummeln sich die Touristen. Ich suche mir ein kleines Café, gönne mir ein Stück Kuchen und lasse den Touri-Trubel auf mich wirken. Den nahegelegenen Supermarkt nutze ich um meine Vorräte aufzufüllen und mache mich dann weiter in Richtung Nordseeküste. Entlang des Deiches geht es weiter zur „Sneum Sluse“. Hier hoffe ich auf einen freien Shelter und werde fündig. Einziges Problem: ich muss noch einkaufen und der nächste Supermarkt ist gute 3 km entfernt. Also heißt es: Supermarkt ansteuern, einkaufen und schnell zurück in der Hoffnung, dass das Nachtlager noch frei ist. Glück gehabt und so beende ich Tag 1 nach etwas über 130 Kilometern mit Blick auf eine Seenlandschaft im Vogelschutzgebiet und der Nordsee im Rücken. Herrlich.
Nach einer entspannten Nacht in meinem „Luxus Shelter“, schließlich konnte ich die Glasfront schließen und somit Mücken&Co. draußen halten, ging es nach dem Packen weiter in Richtung Esbjerg. Einen konkrete Routenplanung für diesen Tag hatte ich noch nicht im Kopf. Vielleicht eine Fähre auf die nahegelegene Insel Fanö? Oder doch lieber zum westlichsten Punkt Dänemarks? Eine Entscheidung die ich erst nach dem Frühstück treffen will. Also kurz den Hafen von Esbjerg ins Visier genommen und dann weiter ins Stadtzentrum. Nach einer reichhaltigen Stärkung mit einem Smørrebrød habe ich mich dann doch für die Weiterfahrt nach Blåvand entschieden. Und so geht es begleitet von der Sonne immer weiter in Richtung Westen. Flaches Land und tolle Radwege lassen die Kilometer nur so dahinschmelzen und irgendwann erreiche ich Blåvand. Fast erschlagen von dem Menschenauflauf stelle ich fest: hier ist wohl einer der Urlaubshotspots Dänemarks schlecht hin. Für alle Dänemarkneulinge (wie mich): Blåvand ist der westlichste Punkt Dänemarks und zugleich der nördlichste Punkt des Wattenmeeres. Hier ist der Einfluss der Gezeiten weniger stark zu spüren und es erstrecken sich unendlich lange und weite Sandstrände hinter der Dünenlandschaft. Aber nicht nur die weiten Strände prägen die Landschaft sondern auch der Leuchtturm Blåvandshuk Fyr, sowie Bunkerruinen und alte Geschützstellungen aus dem zweiten Weltkrieg.
Nach einer kleinen Erfrischung im Meer und einem Spaziergang durch die Dünen mache ich mich allmählich auf den Rückweg. Irgendwo will ich mir eine Übernachtungsmöglichkeit suchen und am nächsten Tag wieder Flensburg ansteuern. kurz vor Esbjerg ziehen dunkle Wolken am Horizont auf und verheißen nichts gutes. Ich steuere einen kleine Zeltplatz an, entscheide mich aber weiter zu fahren. Sollte es gewittern, halte ich einen soliden Shelter für die bessere Wahl. Wenige Kilometer weiter finde ich einen Shelterplatz mit drei Behausungen. Freie Platzwahl, niemand ist da und so suche ich mir den gemütlichsten Platz aus. Es dauert nicht lang und der Himmel öffnet seine Schleusen, ich nutze die Möglichkeit und dusche im warmen Sommerregen. Das hab ich vorher auch noch nie gemacht. So schnell wie das Unwetter kam, hat es sich dann auch wieder verzogen und ließ die Sonne wieder die Arbeit übernehmen. Ich habe mich dazu entschlossen, den restlichen Tag hier zu verweilen und zu übernachten, einfach weil der Platz so schön ist. Leider habe ich keine weiteren Vorräte gekauft und so bleibt nur ein übersichtliches Abendbrot mit dem Rest von gestern. Danach bereite ich mein Nachtlager vor und genieße den Abend nach überschaubaren 84 Kilometern.
Tag 3 und somit der Rückreisetag startet mit Vogelgezwitscher und bedecktem Himmel. Nachdem ich mich überwinden konnte, den Schlafsack zu verlassen habe ich mich so langsam auf die Rückreise vorbereitet. Da ich gerne abends wieder am Auto sein möchte, plane ich keine Experimente und lasse mir von Komoot die kürzeste Strecke raussuchen. Immerhin gute 130 Kilometer trennen mich von Flensburg. Da meine Vorräte seit dem Abend aufgebraucht sind, muss ein Kaffee als Frühstück reichen. Übrigens gibt es etwas abseits auf diesem Shelterplatz eine Trockentoilette. Nach anfänglicher Skepsis wage ich dann doch einen Blick hinein und bin erstaunt wie ordentlich ein Klo mitten im Nirgendwo sein kann. Kein Dreck, kein Gestank, kein Vandalismus. Hier kann man sich im wahrsten Sinne des Wortes niederlassen. Nachdem auch das erledigt ist, setze ich die Reise wieder in Richtung Esbjerg fort. An einem Supermarkt wird schnell alles eingesackt, was den Hunger stillt und der Rest der Tour folgt dann stupide dem vorgeschlagenen Straßenverlauf. Irgendwann meldet sich der Hunger wieder und auch meine Stromvorräte neigen sich dem Ende. Meine Powerbank ist mittlerweile leer und auch das Handy kann, so wie ich, etwas Energienachschub vertragen. In Toftlund steuere ich einen Bäcker an und schnurre etwas Strom, während ich mir eine süße dänische Köstlichkeit gönne. Was auch immer das war, es war unheimlich lecker. Da ich mein Handy zum Laden im Bäcker gelassen hab, gibt es jetzt für alle Interessierten leider kein Bild. Tja so ist das manchmal. Mit dem Blutzucker bis unter die Decke geht es auf den letzten Abschnitt. Noch knapp 60 Kilometer bis zum Auto. Wieder geht es über Haupt und Nebenstraßen durch kleine Ortschaften und an Feld und Flur vorbei. Irgendwann nähere ich mich der Grenze und erreiche Flensburg. Hier lasse ich mich gemütlich in den Hafen einrollen und gönne mir zum Abschluss der Tour, unter den wachsamen Augen einer Möwe, ein vorzügliches Fischbrötchen und alkoholfreies Bier und unterhalte mich noch nett mit einem anderen Bikepacker, der gerade zu seinem Urlaubsdomizil nach Dänemark unterwegs ist.
Fazit
Ja, Dänemark ist eine Reise toll, Ich bin noch immer beeindruckt von dem tollen Radwegenetz, den schier unendlichen Übernachtungsmöglichkeiten auf den Shelter- und Zeltplätzen und den durchweg netten Menschen die mir begegnet sind. Und ich stelle mir eine Frage: Warum können die Dänen Ihre Heimat so sauber halten und hier In Deutschland gleichen die Straßengräben kleinen Müllkippen? Ist das nur mein Eindruck oder haben auch andere diese Erfahrung gesammelt? Ich will gerne wieder kommen und dann einen Teil der Inseln erkunden, entlang der Dünen radeln und beim Lagerfeuer entspannen. Also bleibt nur zu sagen: Auf Wiedersehen und bis bald, du schönes Land!
