Schon länger spiele ich mit dem Gedanken, mal aus eigener Kraft ans Meer zu fahren. Getreu dem Motto: Sachen packen, rauf aufs Rad und einfach mal machen.
Es ist Ende Februar, der Resturlaub vom letzten Jahr will aufgebraucht werden und die Wetteraussichten sind durchaus bescheiden. Geplant sind knappe 400 Kilometer in 4 Tagen. Machbar.
Also plane ich einige Tage vorher meine Route über Komoot, weiß aber mittlerweile, dass ich mich darauf nicht blind verlassen kann, sondern meinem Bauchgefühl und – ganz wichtig – der Beschilderung mein Vertrauen schenken sollte. Nichts ist ärgerlicher als eine tolle Strecke zu verlassen, nur um kurze Zeit später das Fahrrad durch unwegsames Gelände zu manövrieren.
Meine Route soll mich von Wernigerode über Schwerin und Wismar an die Ostsee führen, bevor es entlang des Ostseeküstenradweges weiter nach Travemünde und dann wieder mit dem Zug zurück in die Heimat geht.

Ein paar Tage vorher schwindet meine Hoffnung auf einige frühlingshafte Tage zusehends dahin. Die Temperaturen sinken und die Regenwahrscheinlichkeit steigt. Also organisiere ich mir gerade noch rechtzeitig eine einfache Regenhose und komplettiere damit meine Schlechtwetterkleidung fürs Rad. Die Entscheidung ob ich meine Nächte im Zelt verbringe oder mir doch lieber eine Unterkunft suche, fälle ich spontan am Abreisetag und entscheide mich für die komfortable Variante. Das spart zudem einiges an Gepäck und lässt mich leichter reisen. Generell ist das Thema Gepäck und die Entscheidung was man wirklich braucht eine Wissenschaft für sich.

Und so starte ich voll motiviert in Tag 1 meiner Radreise. Bereits nach wenigen Minuten erfreue ich mich an meiner neuen Regenhose, die die nächsten Tage mein treuer Begleiter werden wird. Der Weg führt mich langsam durch das verregnete Harzvorland in Richtung Norden. Kurz hinter der ehemaligen innerdeutschen Grenze führt mich mein Weg über die Landstraße in Richtung Schöppenstedt. In meinen geistigen Atlas gebe ich der Straße den Namen Wodka Allee. Beängstigend viele leere Wodka- und Weinflaschen säumen den Straßenrand und lassen mich an der Vernunft meiner Mitmenschen zweifeln. Schließlich erreiche ich den Elm-Lappwald und erfreue mich der Abwechslung. Da der Frost der letzten Tage langsam aus dem Boden weicht, fahren sich die Waldwege etwas zäher als erwartet, die kurzen Momente in denen die Sonne versucht durch die Wolken zu brechen lassen mich diesen Umstand aber schnell vergessen. In Königslutter muss sich die Sonne dann aber wieder geschlagen geben und dem ein oder anderen kurzen Nieselregen weichen. Ich gönne mir beim Bäcker einen Kaffee und eine Kleinigkeit zu essen und lasse den Blick über die fast menschenleere Innenstadt schweifen. Um nicht weiter auszukühlen setze ich meine Reise in Richtung Mittellandkanal bei Wolfsburg fort. Diesen begleite ich zusammen mit ein paar Schiffen einige Kilometer um dann weiter in Richtung Norden durch den Drömling zu fahren. Dieser ist durchzogen von unzähligen Wassergräben und erinnert mich fast ein wenig an den Spreewald. Im Augenwinkel sehe ich, wie mich ein Biber oder Nutria beobachtet, während ich fleißig in die Pedale trete und meine Blicke durch die Sumpflandschaft schweifen lasse. Ich durchquere das ein oder andere Dorf und langsam wird es Zeit sich eine Unterkunft zu organisieren. Wenige Klicks später klingelt die Buchungsbestätigung im Mailpostfach – das Ziel für heute Abend steht fest. Ich leiste mir noch einen kleinen Einkauf und sichere mir damit mein Abendbrot. Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und ich lege, wenn auch widerwillig, die letzten Kilometer aufgrund des fehlenden Radwegs auf der Straße zurück und erreiche schließlich sicher und wohlbehalten mein Hotel in Kuhfelde. Damit neigt sich der erste Tag nach etwa 130 km dem Ende zu.
Tag 2 startet genauso trüb und verregnet wie der gestrige geendet hat. Bis nach Salzwedel sind es nur wenige Kilometer. Dort genehmige ich mir ein schnelles Frühstück beim Bäcker und radle dann weiter in Richtung Wendland. Die Landschaft ist geprägt vom Wechsel aus Wiesen und Wäldern. Hier und da tummeln sich die ersten Kraniche der Saison, in der Ferne ziehen Rehe ihre Bahnen. Ab und an wird dieses Idyll von kleinen Dörfern unterbrochen. Ein kleines Schild mit einem eindringlichen Satz erweckt meine Aufmerksamkeit: „Erst Kaffeepause dann die Welt entdecken“. Wie passend. Ich folge der Ausschilderung und komme zu einer kleinen Landwirtschaft. aus dem leicht geöffneten Stall Tor kann ich die Kühe hören und werfe zur Begrüßung einen kurzen Blick hinein. Gleich nebenan befindet sich ein kleiner Raum mit einer gemütlichen Leseecke, allerlei Kunst und Handwerk und einem Kaffeeautomaten. Selbst eine paar Kekse stehen bereit. Der Kaffeeautomat verlangt für den Pott 2 Euro. Passend. Leider habe ich nicht genug Kleingeld bei mir, suche jemanden der wechseln kann aber weit und breit ist niemand in Sicht. Also bleibt mein Koffeinlevel weiterhin niedrig. Ich schieße noch ein paar Erinnerungsfotos und mache mich weiter in Richtung Elbe. Ich habe mir vorgenommen, auch wenn es einen Umweg bedeutet, nach Hitzacker zu fahren. Dort möchte ich mir die hübsche Altstadt anschauen und dann mit der Fähre übersetzen. Leider fährt diese erst wieder planmäßig ab April und so geht es den Weg wieder zurück. Ich folge einer Umleitung durch ein paar kleine Dörfer. Hier gibt es sogar „freilaufende“ Störche und jede Menge Wildgänse zu sehen. Mittlerweile lässt sich sogar die Sonne blicken und ich kann das erst Mal an diesem Tag meinen Schatten sehen und kurz darauf die Elbbrücke bei Drömitz. Mittlerweile bin ich Mecklenburg Vorpommern angekommen und es geht entlang des Müritz-Elde-Kanals gemütlich in Richtung Ludwigslust. Sogar für eine Reifenpanne bleibt noch Zeit. Nach einem kurzen Stopp ist auch das Geschichte und ich folge weiter den Schildern nach Ludwigslust. Hier nutze ich die nächstbeste Einkaufgelegenheit um meine Wasservorräte aufzufüllen und mir einen Snack zu gönnen. Selbstverständlich statte ich dem Schloss einen Besuch ab, wenn auch nur flüchtig im Vorbeifahren. Während ich Ludwigslust verlasse, verlangt ein ordentlicher Regenschauer mir und meiner Ausrüstung nochmal einiges ab und fordert seinen Tribut: Mein Rücklicht dient nach Wassereibruch nur noch der Dekoration. Was solls, Ersatz ist dabei. Mit Musik im Ohr erreiche ich ein neues Level voller Euphorie, höre den Titel in Dauerschleife und folge der scheinbar endlos langen Straße nach Schwerin. Ich erreiche die Landeshauptstadt und werde bald darauf vom Schloss begrüßt. Meine Pension, die ich schon mittags in Hitzacker gebucht habe ist nicht mehr weit entfernt. Ich checke ein, mach mich frisch und gönne mir um die Ecke den wohl leckersten Döner seit langem. Etappenziel mit knapp 150 Kilometern erreicht.
Am 3. Tag ist die Luft raus. Zumindest aus meinem Vorderrad. Dank Tubeless eigentlich kein Problem, doch dieses Mal braucht es einiges an Überzeugungskraft. Ich fahre zwei verschiedene Fahrradläden an und besorge mir ein Reparaturset. Zum Einsatz kommt es dann letztendlich doch nicht. Die Dichtmilch im Reifen verrichtet ihren Dienst und ich kann endlich meine Reise durchs wolkenverhangene und verregnete Land fortsetzen. Entlang des Schweriner Sees führen mich abwechslungsreiche Wege durch Wälder und kleine Ortschaften. Bald darauf erreiche ich das Schloss Wiligrad mit seinem großem Schlosspark. Nach einem kurzen Halt für ein Erinnerungsfoto setze ich meinen Weg fort. Weiter geht es entlang des Ufers, vorbei an Bootshäusern und Badestellen. Noch herrscht hier absolute Winterruhe und ich kann unbeirrt meine Fahrt fortsetzten. Ich erreiche Wismar und kann langsam die Seeluft schnuppern. Am Hafen angekommen, habe ich jetzt das erste Mal die Ostsee vor Augen. Ich genieße kurz den Triumph, schieße ein Beweisfoto und suche mir am Hafen eine Möglichkeit zur Einkehr. Mit Blick auf das Wasser und dem Treiben am Hafen genieße ich in einem gemütlichen Café eine große Tasse Kaffee und ein stärkendes Brötchen. Ich schaue online nach Übernachtungsmöglichkeiten, werde aber noch nicht so recht fündig. Günstige Möglichkeiten sind rar und hier in Wismar möchte ich eigentlich nicht bleiben. Vielleicht doch gleich weiter bis Travemünde und dann den Zug nach Hause nehmen? So recht gefällt mir der Gedanke nicht. Warum auch der Stress? Ich verhocke noch ein Weilchen und nach einem weiteren Kaffee und einem kleinen Plausch mit dem Inhaber mache ich mich weiter auf meine Reise zur Wohlenberger Wieck. Hier stehe ich das erste mal so richtig am Strand und verdrücke ein kleines Freudentränchen. Leider ist das Wetter zu ungemütlich um hier länger zu verweilen. Da mein Hinterrad plötzlich lufthungrig ist, muss ich alle paar Kilometer anhalten und nachpumpen. Weil ich bei dem Wetter keine Lust auf Schlauch wechseln hab spiele ich das Spiel mit. Später in der Unterkunft finde ich den kleinen Glassplitter im Reifen, ein Überbleibsel meiner gestrigen Panne. In Tarnewitz angekommen, buche ich mir um 16.29 Uhr die einzig preiswerte Unterkunft in der Nähe. Später erfahre ich, dass eine Buchung nur bis 16:30 im System möglich ist. Glück gehabt. Auch wenn die Rezeption nicht mehr besetzt ist, findet sich ein Weg das Zimmer zu beziehen. Ich erledige im nahen Discounter meinen Abendeinkauf und spaziere zum Strand. Getreu dem Motto: Man war erst am Meer, wenn die Füße drin waren. Also Schuhe und Socken aus und rein in die kalte Ostsee. Absoluter Glücksmoment.
Tag 4 startet nach einer erholsamen Nacht mit einem reichhaltigen Frühstück im Hotel. Heute ist Abreisetag. Zugticket ist gebucht, für die letzten gut 30 Kilometer bleibt reichlich Zeit. Der Blick aus dem Fenster verspricht endlich Wetterbesserung, kalt bleibt es dennoch. Ich starte entspannt über den fast menschenleeren Holzsteg in den Dünen von Boltenhagen. Die Zurechtweisung durch pflichtbewusste Mitmenschen folgt prompt. Norddeutsche Gelassenheit? Weiter geht es in Richtung Steilküste um ein paar Drohnenaufnahmen einzusacken und um dann auf den Ostseeküstenradweg weiter Richtung Travemünde zu fahren. Das erste Mal auf dieser Tour kommen mir eine Handvoll Bikepacker entgegen. Später genieße ich noch einmal den Strand und suche ein paar Donnerkeile oder was man sonst so mitbringen kann. Erfolgreich. Jetzt aber weiter, möchte gerne zum Abschluss auf dem Priwall lecker essen. Das aufgrund der Winterpause alles geschlossen hat, wusste ich bis dato nicht. Ein Umleitungsschild verspricht eine Sperrung des Küstenradwegs. Also einen kleinen Haken schlagen, das kostet zwar ein paar Kilometer und Minuten, aber glücklicherweise habe ich großzügig geplant. Nebenbei stelle ich mir immer wieder die Frage, wo diese Hügel herkommen. Ein gleichmäßiger Tritt scheint nahezu unmöglich. Nach einem letzten flachen Stück erreiche ich den Priwall und nehme Kurs auf die Passat – zur Zeit das einzige Schiff hier im Hafen – aber ein Museum fährt ja auch nun mal nicht weg. Wie erwähnt bemerke ich die geschlossenen Gastromöglichkeiten diesseits der Trave. Also setze ich mit der Fähre über und suche mir ein kleines Café. Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis die Bahn kommt – auf die Minute genau. Die Weiterfahrt endet dann kurz vor Hamburg, Anschlusszug ist weg aber die Alternative ist passabel und ich komme schließlich mit einer Stunde Verspätung zuhause an.
